Kind als Akteur seiner Entwicklung

In meinem ersten Beitrag zur Reggio-Pädagogik habe ich mich auf das Fundament dieser besonderen Philosophie (das „Insieme“, die 100 Sprachen und den Raum als dritten Pädagogen) fokussiert. In diesem Blog tauche ich tiefer in einen Aspekt ein, der für mich das Herzstück der Reggio Pädagogik bildet: Das Verständnis vom Kind als aktivem Gestalter der eigenen Entwicklung.

Wenn wir in der Reggio Pädagogik davon sprechen, dass Kinder kompetent und forschend sind, dann meinen wir damit eine fundamentale Überzeugung, die unser gesamtes pädagogisches Handeln durchdringt. Kinder sind nicht passive Empfänger von Bildung, die darauf warten, geformt zu werden. Sie sind Konstrukteure ihrer eigenen Wirklichkeit, Forschende, die ihre Umwelt aktiv erkunden, Theorien entwickeln und diese wieder verwerfen.

Ein Kind baut konzentriert mit Holz- und bunten Lichtbausteinen an einem Leuchttisch in einem hellen Kita-Raum und entwickelt seine Konstruktion und Idee eigenständig weiter.
Kind als Akteur seiner Entwicklung – Lernen entsteht im eigenen Tun.
Bild: KI-generiert mit Gemini (Google).

Selbstwirksamkeit als Grundstein für die Zukunft

Wir leben in einer Zeit, die von ständiger Veränderung, Komplexität und einer Flut an Informationen geprägt ist. In einer Welt, in der Faktenwissen durch KI und Suchmaschinen jederzeit abrufbar ist, verschiebt sich der Fokus von der reinen Wissensanhäufung hin zur Handlungskompetenz. Die Reggio Pädagogik liefert hier die entscheidenden Antworten, denn sie bereitet Kinder auf eine Zukunft vor, deren Probleme wir heute noch gar nicht kennen.

Kinder, die sich als Akteure ihrer Entwicklung erleben, entwickeln ein stabiles Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie lernen, dass ihre Handlungen Wirkung zeigen, dass ihre Meinungen zählen und das sie Herausforderungen meistern können. Diese Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist möglicherweise das wertvollste, das wir Kindern mit auf den Weg geben können.

Wer als Konstrukteur lernt, hinterfragt das Offensichtliche. Diese Kinder übernehmen Informationen nicht ungefiltert, sondern prüfen sie an ihren eigenen Hypothesen. Diese Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen sowohl für sich selbst, ihre Projekte als auch für die Gemeinschaft, unser „Insieme“. Sie entwickeln eine hohe soziale Kompetenz, da Selbstbildung in der Reggio Pädagogik immer auch Ko-Konstruktion bedeutet: Man lernt mit und an den Ideen der anderen. Sie wachsen mit der Gewissheit auf, dass sie die Welt aktiv mitgestalten können. Das ist gelebte Demokratiebildung bereits in unseren Bildungseinrichtungen.

Kinder als Forschende ihrer Lebenswelt

Beobachten wir Kinder in ihrem natürlichen Tun, sehen wir immerzu Forschungsprozesse. Ein Kleinkind, das zum zwanzigsten Mal einen Gegenstand vom Tisch wirft, testet nicht unsere Geduld. Es erforscht Schwerkraft, Ursache und Wirkung und räumliche Beziehungen. Ein Vorschulkind, das mit Wasser, Sand und verschiedenen Gefäßen experimentiert, entwickelt naturwissenschaftliches Verständnis durch eigenes Tun.

Diese Forschungsprozesse sind keine zufälligen Aktivitäten. Kinder verfolgen dabei ihre eigenen Fragen, entwickeln Hypothesen und überprüfen diese systematisch, auf ihre Weise. Unsere Aufgabe als pädagogische Fachkräfte ist es, sie zu erkennen, wertzuschätzen und zu begleiten.

Fehlerkultur als Lernchancen

Ein zentraler Aspekt der Selbstwirksamkeit ist der Umgang mit Fehlern und Umwegen. In der Reggio Pädagogik werden diese nicht als Scheitern verstanden, sondern als wertvolle Bestandteile des Lernprozesses. Ein Kind, das einen Turm baut, der immer wieder einstürzt, lernt mehr über Statik und Gleichgewicht als eines, dem wir eine mögliche Lösung vorgeben.

Hier zeigt sich unsere pädagogische Haltung besonders deutlich. Halten wir es aus, dass Kinder Umwege gehen? Können wir Frustration begleiten, ohne sie zu vermeiden? Trauen wir Kindern zu, aus eigenen Erfahrungen zu lernen?

Wenn Kinder Akteure ihrer Entwicklung sind, was ist dann unsere Rolle als pädagogische Fachkräfte? Wir sind die aufmerksamen Beobachter:innen, die verstehen wollen, was Kinder bewegt. Wir sind die Impulsgeber:innen, die neue Materialien, Räume oder Begegnungen ermöglichen. Wir sind die Übersetzer:innen, die kindliche Lernprozesse für andere sichtbar machen, etwa durch Dokumentation, wie ich sie im vorherigen Beitrag beschrieben habe. Vor allem aber sind wir die Zeug:innen ihrer Entwicklung. Wir begleiten, ohne zu lenken und wir schaffen Möglichkeitsräume in denen wir Kinder entscheiden lassen, wie sie diese nutzen.

Die Bedeutung des Vertrauens

Wenn wir Kinder wirklich als Akteure ihrer Entwicklung verstehen wollen, müssen wir ihnen zunächst vertrauen. Vertrauen in ihre Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Vertrauen in ihr Tempo. Vertrauen in ihre individuellen Wege des Lernens.

Dieses Vertrauen zeigt sich im Alltag in vielen kleinen Momenten, z.B. Wenn wir einem Kind Zeit geben, einen Konflikt selbst zu lösen, bevor wir eingreifen oder wenn wir akzeptieren, dass ein Kind heute nicht gestalten möchte, sondern lieber konstruiert, weil es seinem inneren Entwicklungsplan folgt.

Das bedeutet nicht, Kinder sich selbst zu überlassen. Es bedeutet, ihnen den Rahmen zu bieten, in dem sie sich selbstwirksam erleben können. Wie ich bereits im vorherigen Blogbeitrag zur Raumgestaltung beschrieben habe, schafft der Raum als dritter Pädagoge diese Struktur und Orientierung, die Kindern Sicherheit gibt, um mutig zu forschen.