Projektarbeit in der Reggio Pädagogik

Wo Kinderfragen den Weg weisen

In meinen letzten Beiträgen zur Reggio-Pädagogik haben wir uns das Fundament dieser Philosophie angeschaut und darüber gesprochen, wie Kinder als aktive Konstrukteure ihrer eigenen Wirklichkeit forschen. Doch wie wird diese Haltung im Alltag eigentlich greifbar? Eine der Antworten liegt in einer ganz besonderen Form des Lernens: der Projektarbeit.

Wenn wir in unserem Kontext das Wort „Projekt“ hören, denken wir oft an ein festes Thema. Es werden die Kreativangebote für die „Projektwoche Wald“ im Voraus geplant und vorbereitet und steuern oft auf ein festes Endprodukt zu. In Reggio Emilia hingegen spricht man von „Progettazione“, einem dynamischen und offenen Prozess. In diesem Blogbeitrag tauchen wir tief in diese lebendige Projektarbeit ein, blicken nach Italien und schauen, wie wir diese wunderbare Philosophie ganz praktisch und ohne Druck in unseren Kitas umsetzen können.

Projektarbeit in der Reggio-Pädagogik: Vom italienischen „Progettazione“ zu gelebten Spuren im Kita-Alltag In meinen letzten Beiträgen zur Reggio-Pädagogik haben wir uns das Fundament dieser Philosophie angeschaut und darüber gesprochen, wie Kinder als aktive Konstrukteure ihrer eigenen Wirklichkeit forschen. Doch wie wird diese Haltung im Alltag eigentlich greifbar? Die Antwort liegt in einer ganz besonderen Form des Lernens: der Projektarbeit. Wenn wir in Deutschland das Wort „Projekt“ hören, denken wir oft an ein fest umrissenes Thema. Wir planen die Bastelangebote für die „Projektwoche Wald“ im Voraus durch und steuern auf ein festes Endprodukt zu. In Reggio Emilia hingegen spricht man von „Progettazione“ – einem dynamischen, offenen Prozess. In diesem Blogbeitrag tauchen wir tief in diese lebendige Projektarbeit ein, wagen den Blick nach Italien und schauen, wie wir diese wunderbare Philosophie ganz praktisch und ohne Druck in unseren Kitas umsetzen können. Was ist Progettazione? Der Blick nach Italien Wer schon einmal das Glück hatte, Bildungseinrichtungen in Reggio Emilia zu besuchen, spürt es sofort: Projekte dort sind keine vorgefertigten Schienen, auf denen die Kinder fahren. Sie sind vielmehr eine gemeinsame Entdeckungsreise, deren Ziel beim Start noch niemand kennt. In Italien basiert die Projektarbeit auf dem Prinzip des permanenten Dialogs. Die pädagogischen Fachkräfte (und die Atelieristas) werfen keine Themen auf, sondern greifen die Fragen, Hypothesen und Ideen der Kinder auf. Ein Projekt entsteht, weil Kinder beispielsweise fasziniert beobachten, wie das Sonnenlicht durch das Fenster bricht und bunte Reflexionen an die Wand zaubert. Es gibt keinen starren Lehrplan. Stattdessen wird geschaut: Welche Wege öffnet uns dieses Interesse? Es ist ein Tanz zwischen den Impulsen der Kinder und der feinfühligen Begleitung der Erwachsenen. Der Brückenschlag: Wie wir es für uns im Kita-Alltag umsetzen können Oft höre ich in meinen Fortbildungen: „Das klingt toll in Italien, aber bei unserem Fachkraft-Kind-Schlüssel und den deutschen Rahmenbedingungen ist das utopisch!“ Ich bin fest davon überzeugt: Wir müssen und können das Rad hier nicht neu erfinden oder Italien eins zu eins kopieren. Es geht um die pädagogische Haltung, die wir in unseren Alltag einfließen lassen. Und das gelingt uns mit ein paar wesentlichen Stellschrauben: Vom Vorbereiten zum Vorleben (Und Aushalten!): Verabschiede dich vom Gedanken, das Projektergebnis schon im Kopf haben zu müssen. Wenn Kinder sich für das Thema „Schnecken“ interessieren, müssen wir nicht am nächsten Tag Malvorlagen ausdrucken. Lass uns stattdessen gemeinsam mit den Kindern Schnecken im Garten beobachten. Stell Fragen: „Was glaubt ihr, warum hinterlässt die Schnecke eine glitzernde Spur?“ Lass die Hypothesen im Raum stehen. Die 100 Sprachen nutzen: Gib den Kindern verschiedene Materialien an die Hand, um ihre Theorien auszudrücken. Das kann Ton sein, Draht, Licht am Leuchttisch oder Bewegung. Wenn ein Kind eine Idee nicht in Worte fassen kann, baut oder tanzt es sie vielleicht. Flexibilität im Tagesablauf: Projektarbeit braucht Zeiträume. Manchmal bedeutet das, Strukturen aufzubrechen. Wenn eine Kleingruppe gerade tief in einem Konstruktionsprozess versunken ist, darf das Aufräumen für den Stuhlkreis auch mal warten. Das ist gelebtes „Insieme“ – wir lernen und leben miteinander. Ein Hauch von Sichtbarkeit: Die Dokumentation Ein elementarer Baustein, damit aus einem simplen Spiel ein tiefes Reggio-Projekt wird, ist die Dokumentation. In Italien hängen die Wände voller lebendiger Wanddokumentationen – sie sind das Gedächtnis des Projekts. Für unsere Praxis bedeutet das: Wir müssen keine perfekten, stundenlangen Portfolios schreiben. Es reicht, im Alltag die Kamera parat zu haben und – noch viel wichtiger – die Zitate der Kinder wortwörtlich aufzuschreiben. Wenn wir diese Notizen und Fotos im Raum auf Augenhöhe der Kinder platzieren, passiert etwas Magisches: Die Kinder kommen vor ihren eigenen Bildern ins Gespräch. Sie erinnern sich, entwickeln das Projekt weiter und korrigieren ihre alten Hypothesen. (Aber pssst... dieses Thema ist so unglaublich vielschichtig und wertvoll, dass ich der Dokumentation ganz bald eine eigene, ausführliche Seite widmen werde!) Vertrauen als Kompass der Projektarbeit Am Ende des Tages fordert uns die reggianische Projektarbeit vor allem in einem heraus: im Loslassen. Wir geben ein Stück Kontrolle ab und gewinnen dafür eine unbezähmbare Begeisterung und Forscherenergie der Kinder. Wenn wir darauf vertrauen, dass Kinder die relevanten Themen für ihre Entwicklung selbst finden, wird Projektarbeit nicht zu einem zusätzlichen To-Do auf unserer ohnehin vollen Liste. Sie wird zu einer Haltung, die unseren Alltag entlastet, weil wir nicht mehr die Alleinunterhalter sind. Wir werden zu echten Wegbegleitern, Mitforschenden und Zeugen von Sternstunden.
Die Wanderausstellung zum Projekt „Architetture di terra“ in Reggio Emilia veranschaulicht den Weg von der Kinderzeichnung zum dreidimensionalen Modell.
Aufnahme von Jennifer Rahmfeld Reggio Emilia 2018

Der Blick nach Italien

Wer schon einmal die Möglichkeit hatte, Bildungseinrichtungen in Reggio Emilia zu besuchen, konnte live miterleben, dass Projekte dort gemeinsame Entdeckungsreisen sind, deren Ziel beim Start noch niemand kennt.

In Italien basiert die Projektarbeit (Progettazione) auf dem Prinzip des dauerhaften Dialogs (Ping-Pong-Spiel). Die pädagogischen Fachkräfte (und die Atelieristas) greifen die Fragen, Hypothesen und Ideen der Kinder auf. Ein Projekt entsteht, weil Kinder, z.B. fasziniert beobachten, wie das Sonnenlicht durch das Fenster scheint und bunte Reflexionen an die Wand zaubert. Es wird geschaut, welche Wege öffnet uns dieses Interesse? Es ist eine Balance zwischen den Impulsen der Kinder und der individuellen Begleitung der pädagogischen Fachkräfte.

Das Schnecken-Projekt reggio-orientiert begleitet

Lasst uns um den Unterschied zwischen der klassischen Projektplanung und der italienischen Progettazione zu verdeutlichen, ein ganz konkretes Alltagsbeispiel hernehmen, z.B. eine Kindergruppe entdeckt im Garten eine Schnecke.

Der klassische Weg: Die pädagogische Fachkraft nimmt das Interesse der Kinder wahr und plant die nächsten Tage im Voraus. Am Montag erhalten die Kinder ein Schnecken-Ausmalbild, am Dienstag wird ein Lied über Schnecken gesungen, am Mittwoch entsteht ein Schneckenhaus aus Knete und am Freitag wird gemeinsam ein Sachbuch betrachtet. Das Thema ist vorbereitet, die Angebote greifen das Interesse der Kinder auf und am Ende ist das Projekt abgeschlossen. Doch dabei besteht die Gefahr, dass die eigentlichen Fragen der Kinder gar nicht in den Mittelpunkt rücken. Das Thema „Schnecke“ wurde betrachtet, aber wurden auch die Gedanken der Kinder verfolgt?

Der reggianische Weg (Progettazione): Wir setzen uns mit den Kindern zur Schnecke und beobachten gemeinsam. Eine pädagogische Fachkraft hält eine Kamera und einen Notizblock bereit. Während alle beobachten, sagt plötzlich ein Kind:

„Schau mal, die Schnecke klebt an der Wand. Warum fällt sie nicht herunter?“

Genau in diesem Moment beginnt das eigentliche Projekt. Anstatt sofort Antworten zu geben, greifen wir die Frage auf und öffnen den Denkraum:

„Was glaubst du, warum die Schnecke nicht herunterfällt?“

Nun entstehen erste Vermutungen und Hypothesen der Kinder. Jede Aussage ist wertvoll und wird für die spätere Bildungsdokumentation und den weiteren Projektverlauf dokumentiert. Die O-Töne der Kinder helfen außerdem dabei, gemeinsam Entscheidungen zu treffen:

  • „Wer glaubt denn auch, dass die Schnecke einen Schneckenkleber an ihrem Bauch hat?“
  • „Welche Frage möchten wir als Nächstes erforschen?“

Nicht jede Frage kann gleichzeitig untersucht werden. Deshalb werden die Gedanken der Kinder gemeinsam gesammelt, priorisiert und beispielsweise im Morgen- oder Mittagskreis besprochen. Die Kinder entscheiden, welche Fragestellung sie als Nächstes verfolgen möchten. Dadurch gestalten sie den Verlauf des Projektes aktiv mit.

Die Aufgabe der pädagogischen Fachkraft besteht nun darin, Dialoge zu führen, passende Materialien und neue Forschungsmöglichkeiten als Impuls bereitzustellen. Vielleicht liegen am nächsten Tag Lupen bereit, eine Plexiglasplatte, auf der die Schnecke von unten beobachtet werden kann, oder verschiedene Untergründe wie Glas, Rinde oder Blätter, auf denen die Kinder untersuchen können, wie sich die Schnecke bewegt. Das aller Wichtigste ist, dass Bücher mit dabei stehen. Das war für mich sehr Besonders, das an fast allen Spielorten oder Gestaltungsbereichen passende Themenbücher für die Kinder aufgestellt waren.

So entwickelt sich das Projekt Schritt für Schritt organisch aus den Fragen der Kinder heraus. Es dauert so lange, wie die Neugier der Kinder lebendig bleibt. Das können zwei Wochen sein, drei Monate oder sogar ein ganzes Jahr.

Aus meiner eigenen Praxis kenne ich Projekte, die viele Jahre später wieder aufgegriffen wurden. Ein Meeresprojekt aus dem Jahr 2018 wurde beispielsweise im Jahr 2025 erneut lebendig, weil Kinder an frühere Dokumentationen anknüpften und neue Fragen entwickelten. Projekte müssen daher keinen endgültigen Abschluss finden. Sie dürfen ruhen, weiterwachsen und jederzeit wieder aufgenommen werden, genau wie die Lernprozesse der Kinder selbst.

Die Brücke für uns im Kita-Alltag

In meinen Fortbildungen höre ich gelegentlich den Satz:

„Das klingt alles wunderbar in Italien. Aber bei unserem Fachkraft-Kind-Schlüssel und den begrenzten räumlichen sowie materiellen Möglichkeiten können wir das doch gar nicht umsetzen.“

Ich kann diesen Gedanken gut nachvollziehen. Tatsächlich unterscheiden sich die Rahmenbedingungen vieler deutscher Kindertageseinrichtungen deutlich von denen in Reggio Emilia. Dennoch bin ich überzeugt, dass Reggio-Pädagogik nicht an einem modernen Gebäude, einer perfekten Ausstattung oder einem idealen Personalschlüssel gebunden ist.

Reggio-Pädagogik beginnt mit unserer pädagogischen Haltung und einem kompetenten Bild vom Kind. Sie zeigt sich in den kleinen Entscheidungen des Alltags darin, wie wir Kindern zuhören, wie wir ihre Fragen ernst nehmen, wie wir Bildungsprozesse begleiten und wie viel Mitgestaltung wir ihnen zutrauen.

Natürlich erleichtern gute Rahmenbedingungen die Umsetzung. Sie sind jedoch nicht die Voraussetzung dafür, reggio-orientiert zu arbeiten. Vielmehr gibt es einige wesentliche Stellschrauben, mit denen wir die Grundgedanken der Reggio-Pädagogik auch unter den Bedingungen unserer eigenen Einrichtung Schritt für Schritt lebendig werden lassen können.

  • Wie brechen wir starre Zeitstrukturen auf, damit Kinder ungestört forschen können, ohne dass der gesamte Tagesablauf aus dem Gleichgewicht gerät?
  • Welche nachhaltigen und Endless-Play Materialien wecken die Forscherfreude, ohne das Kita-Budget zu sprengen?
  • Wie verabschieden wir uns vom Druck des „fertigen Endprodukts“?

Genau an diesen individuellen Stellschrauben arbeiten wir gemeinsam in meinen praxisnahen Team-Fortbildungen. Ich zeige euch, wie ihr die Theorie der Reggio-Pädagogik ohne Druck und passgenau für eure Rahmenbedingungen in den Alltag integriert.

Die Dokumentation

Ein elementarer Baustein, damit aus einem simplen Spiel ein tiefes reggio-orientiertes Projekt wird, ist die Dokumentation. In Italien hängen an den sprechenden Wände in der Regel Langzeitdokumentationen, die das Gedächtnis des Projekts sind.

Aber wie dokumentiert wir im Alltag so, dass es nicht zu einer zusätzlichen „On-Top-Belastung“ für das Team wird? Wie fängt man O-Töne effektiv ein und platziert sie so, dass Kinder darüber wieder ins Gespräch kommen?

(Weil dieses Thema so unglaublich wertvoll und praxisentscheidend ist, widme ich der lebendigen Dokumentation ganz bald eine eigene, ausführliche Pädagogik-Wiki Seite und natürlich ist es auch ein Kernbestandteil meiner Inhouse-Schulungen!)

Mein persönlicher Gedanke

Am Ende fordert uns die reggio-orientierte Projektarbeit vor allem im loslassen heraus. Wir geben ein Stück Kontrolle ab und gewinnen dafür die intrinsische Motivation, die Neugier und die echte Forscherfreude der Kinder.

Wenn wir darauf vertrauen, dass Kinder die für ihre Entwicklung bedeutsamen Themen selbst entdecken und verfolgen, verändert sich auch unsere Rolle. Wir müssen nicht länger die Ideenlieferanten oder Alleinunterhalter sein, stattdessen werden wir zu aufmerksamen Wegbegleitern und Mitforschende.

Eine Erkenntnis aus meinem Besuch in Reggio Emilia begleitet mich bis heute.

Ich hatte dort nie den Eindruck, dass die pädagogischen Fachkräfte auf der Suche nach der nächsten kreativen Idee waren. Stattdessen waren sie auf der Suche nach den Ideen der Kinder.

Vielleicht ist genau das der größte Perspektivwechsel. Projektarbeit beginnt mit echtem Interesse, mit Neugier, mit Vertrauen und mit pädagogischen Fachkräften, die bereit sind, nicht immer schon zu wissen, wohin die Reise führt. Aus meiner Sicht liegt genau darin die größte Stärke der Reggio-Pädagogik.

Lust auf diesen Perspektivwechsel in deiner Einrichtung?

Die Theorie klingt wunderbar, aber du fragst dich, wie die Progettazione und die lebendige Dokumentation bei eurem aktuellen Personalschlüssel und euren Räumen wirklich gelingen können?Genau dafür bin ich da! Ich komme in deine Kita und begleite dein Team praxisnah, ohne Druck und absolut alltagstauglich auf diesem Weg, ob als Impuls-Workshop oder intensive Inhouse- Fortbildung.

Neugierig geworden? Dann klicke hier, um unverbindlich anzufragen. Ich freue mich darauf, euch kennenzulernen und euch auf eurem individuellen Weg in der Reggio-Pädagogik zu begleiten.

Wenn du noch mehr über die Projektarbeit in der Reggio-Pädagogik wissen möchtest. Besuch mich gerne auf der Pädagogik- Wiki Seite dazu.

Tonfiguren von Kindern im Kreis vor einer gestalteten Projektwand in einer Reggio-Emilia-Kita. Die Figuren entstanden als Teil eines kreativen Projekts und zeigen unterschiedliche Haltungen und Ausdrucksformen.
Handgefertigte Tonfiguren aus einem Projekt in einer Reggio-Emilia-Kita. Ein Beispiel dafür, wie Kinder ihre Ideen und Beziehungen gestalterisch zum Ausdruck bringen.